7.3.2022

Es herrscht Krieg und ich bin still: Zur Bedeutung einer Praxis des Schweigens in Zeiten der Krise

Unweit von mir herrscht Krieg. Und ich setze mich täglich hin zum Schweigen, in einem Land, das Krieg schon lange nicht mehr kennt. Dort, wo ich mich sicher fühle. Dabei frage ich mich unweigerlich: Könnte ich nicht mehr tun, als nur zu schweigen?

Vielleicht praktizierst du auch den Weg des Schweigens und stellst dir ähnliche Fragen?

In einer lauten und schnelllebigen Welt hat die Praxis des Schweigens noch immer den Ruf der unproduktiven Untätigkeit, der Isolation vom eigentlichen Geschehen, der Nabelschau.

Im Sinne einer Selbstvergewisserung habe ich mich daher erneut auf die Suche gemacht, worin Wert und Beitrag des Schweigens liegen könnten.

 

Die Macht von Entscheidungen in einer verbundenen Welt

Wir leben in einer verbundenen Welt. Durch das Internet, globale Märkte und gegenseitige Abhängigkeiten wird jede und jeder mein Nächster / meine Nächste. Die Redewendung zur Verdeutlichung des eigenen Desinteresses „Das kümmert mich so wenig, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt“ wurde ins Gegenteil verkehrt: Wenn jemand in China hustet, kann es die gesamte Welt stilllegen. Wenn sich jemand dazu entscheidet, den roten Knopf zu drücken, ebenso.

In einem Kommentar der Zeitschrift „The Economist“ zum Ukraine-Krieg meinte der Historiker und Bestsellerautor Yuval Harari diese Tage:

«The decline of war didn’t result from a divine miracle or from a change in the laws of nature. It resulted from humans making better choices.»

Dass wir im globalen Westen in unserer Generation keinen Krieg mehr kannten, dass weltweit die Kriegshandlungen in den letzten Jahren zurückgingen, dass wir abrüsten und in Sicherheit leben konnten, lag in unserer verbundenen Welt an vielen kleineren und grösseren Entscheidungen Einzelner zum Guten.

Harari weist weiter darauf hin, dass ein Klima des Kriegesund der Angst hingegen gesamtgesellschaftliche Auswirkungen bis in spätere Generationen haben wird:

«A return to the jungle, where the strong prey upon the weak and the only thing preventing one country from wolfing down another is military force, would also undermine global co-operation on problems such as preventing catastrophic climate change or regulating disruptive technologies such as artificial intelligence and genetic engineering.»

Schlechte Entscheidungen führen zu immensen negativen Auswirkungen und zur Vernachlässigung der wichtigsten Themen für ein gutes Leben auf unserem Planeten. Dies betrifft nicht nur die Makro-Ebene einer Staatsführung. Jede und jeder trifft täglich hunderte von Entscheidungen und trägt damit dazu bei, ob in unserer Welt ein destruktives oder ein konstruktives Klima herrscht.

Nicht umsonst meint der ehemalige Bischof der anglikanischen Kirche, Rowan Williams:

«Kontemplation ist der Schlüssel zum Wesen einer erneuerten Menschheit, die fähig ist, die Welt in Freiheit zu sehen - frei von selbstbezogenen, gewinnsüchtigen Gewohnheiten und dem verzerrten Verständnis, das daraus entsteht.»

Stille als Kraftquelle für lebensfördernde Entscheidungen

Wir alle sind Teil eines lebendigen Organismus, vernetzt und verbunden mit anderen Menschen und der Schöpfung als Mitwelt. Im Schweigen liegt die Kraft, sich zu einer gesunden Zelle in diesem weltumspannenden Organismus transformieren zu lassen.

Im Schweigen liegt die Kraft, unsere eigenen friedlosen, schadhaften Schattenanteile in Gottes Gegenwart transformieren zu lassen. Eine gesunde Zelle hat die Kraft, zur zur Heilung der umliegenden Zellen beizutragen. Je mehr Zellen im Organismus heil werden, desto gesünder wird der Gesamtorganismus Welt.

Eine Praxis des Schweigens hat die Kraft, uns selbst umgestalten zu lassen, klarer denken zu können und daraus bessere und lebensfördernde Entscheidungen zu fällen.

Als Teil der Welt hilft mir das Schweigen, nicht selbst in den Dschungel zurückzufallen, wo die Macht des Stärkeren gilt.

Was ich von anderen erwarte, muss in mir selbst beginnen. Frieden beginnt im Herz jeder und jedes Einzelnen.

 

Die Unterscheidung zwischen Interessensbereich und Einflussbereich

Buddha verglich einmal die Stille, die in Momenten der Einkehr und Meditation entsteht, mit einem Ozean. Das Chaos macht uns blind. Wir sehen die Wellen, die Gischt, die Gefahr, den Schrecken und übersehen dabei, dass der Ozean riesig ist und still und weit.

Wenn wir uns der grossen Stille bewusst werden, auf der alles ruht, spüren wir für die Dauer einer Meditation, wie das Chaos und die Krise in uns und um uns herum kleiner werden.

Damit wollen wir im Schweigen nicht die drängenden Probleme, Herausforderungen und Schrecken klein machen oder verdrängen. Im Gegenteil: Die Zeiten des Schweigens erlauben es, den Blick zu weiten, das Ganze besser wahrzunehmen und daraus den persönlichen Beitrag klarer zu sehen.

In der aktuellen geopolitischen Situation des stürmischen Ozeans loten wir alle unseren (beschränkten) Handlungsspielraum aus. Hier lohnt sich die Unterscheidung zwischen dem Interessensbereich und dem Einflussbereich, zwischen dem wogenden und dem stillen Ozean.

Der persönliche Interessensbereich kann sehr weit sein: Vom (äusserst berechtigten) Interesse, keine Plastikabfälle mehr in die Ozeane gelangen zulassen bis zum aktuell dringenden Interesse nach Frieden und Schutz für alle Kriegsversehrten. Wenn ich mich vom Interessensbereich überwältigen lasse, kann dies rasch zur Reaktion statt zur Aktion führen. Reaktionen können sein: Überwältigungsgefühle, Niedergeschlagenheit, falscher Aktivismus, starre Ideologien, Burn out, u.a.

Unser Einflussbereich hingegen ist immer kleiner als unser Interessensbereich. Aber nur in meinem persönlichen Einflussbereich kann ich aktiv werden und muss nicht im Sinne einer Reaktion handeln.

Die Stille ermöglicht die Unterscheidung von Interessens-und Einflussbereich und führt zu gelassenem Handeln.

Als Ehemann und Vater ist mein erster Einflussbereich, meine kleinste Zelle, meine Familie. Hier trage ich Verantwortung. Hier kann ich gute Entscheidungen fällen. Hier kann ich den ersten Beitrag leisten, indem ich meine Kinder mit Werten von Gerechtigkeit, Versöhnung, Mut und Empathie auszurüsten versuche, damit sie wiederum in ihrem Umfeld als gesunde Zellen des grossen Organismus einen positiven Beitrag in unserer Welt leisten können.

Schweigen ist der kleine Stein, der in den ruhigen See geworfen, weite Kreise zieht.

 

Stille als Friedensprogramm Gottes

Ein sogenanntes Agraphon (aussserbiblisch überliefertes Jesuswort) sagt:

«Wer es mit Gott zu tun hat, braucht zehn Dinge: Ein Teil Einsamkeit und neun Teile Schweigen.»

Im Schweigen schaffen wir Platz für Gott, indem wir uns bewusst mit Gott und unserer Mitwelt verbinden. Wir können Dinge in und um uns wahrnehmen, die wir in der Gischt des Ozeans zu leicht überhören.

In der Transformation zu Christus in uns spüren wir Gottes Trauer und Wut über zerstörerischen und ungerechten Strukturen deutlicher. Wir werden sensibler, empfindsamer und zugleich verletzlicher. Wir werden uns bewusst, dass sich der Gott der biblischen Texte offenbart hat als Jahwe, als der Ich-bin-da Gott. Gott ist in mir, ich bin in Gott. Und weit darüber hinaus ist Gott mitten unter uns. Jahwe sieht die die Leidenden

«Gesehen habe ich das Elend meines Volkes, ich kenne seine Schmerzen.» (Ex 3,7)

Aus der Verbindung in der Stille mit dem empathischen Ich-bin-da Gott kann die eigene Sensibilität wachsen. Wir lernen zu weinen mit den Weinenden und uns zu freuen mit den Fröhlichen (Röm 12:15). Unsere innere Abstumpfung durch dauernde Schreckensnachrichten kann aufbrechen. Die so gewonnene Sensibilität und Empathie kann uns zu lebensfördernden Entscheidungen in unserem persönlichen Einflussbereich führen.

Schliesslich macht das Schweigen dort Platz für Gott, wo unser eigener Einflussbereich begrenzt ist. Symbolhaft zeigt dies die Johannes-Offenbarung, wenn mitten im Chaos Stille eintritt:

«Als das Lamm Jesus Christus das siebte Siegel öffnete, tratim Himmel eine Stille ein, wohl eine halbe Stunde lang. […]. Der Rauch des Räucherwerksstieg zusammen mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels zu Gott empor.» (Offb 8:1-4)

So wird das Schweigen des Einzelnen und in der Gemeinschaft der Kirche zu einem «umfassenden Friedensprogramm» (Klaus Berger). Als Christinnen und Christen vertrauen und hoffen wir darauf, dass dieses grosse Schweigendes Friedens dereinst eintritt. Wir dürfen gleichzeitig im Jetzt einen Vorgeschmack davon erleben, wenn wir Stille als Praxis und Lebensstil verinnerlichen.

 

Schweigen als Zeichen, das Ausdauer und Mut erfordert

Schweigen ist nicht Rückzug vor dem Seufzen dieser Welt (Röm 8:22). Zum aktiven Schweigen gehören im Gegenteil Ausdauer, Geduld und auch Mut.

Denn es braucht Geduld, sich bewusst vom weiten und lauten Interessensbereich in den viel kleineren Einflussbereich zu bewegen und trotzdem darauf zu vertrauen, dass diese Bewegung nicht vergeblich, sondern im Gegenteil die einzig mögliche ist.

Es braucht Mut, sich mit den eigenen Schattenanteilen der ungesunden Zelle im Licht Gottes zu konfrontieren. Und es braucht Mut, den Panzer der Selbstgerechtigkeit aufbrechen zu lassen und sensibler zu werden.

Sowohl aus der buddhistischen wie auch aus der christlichen Tradition können wir lernen, dass das Schweigen als Praxis immer auch eine signifikative (zeichenhafte) Wirkung entfaltet. Sitzen in der Stille ist ein Symbol. Das Sitzen hat einen Wert in sich, der weit über die persönliche Praxishinausreicht und sich unserem menschlichen Erkenntnisvermögen entzieht.

Vielleicht müssen wir nicht alles erklären und gedanklich durchdringen wollen, was das Schweigen für eine Bedeutung im Geflecht des Lebens austragen kann.

Vielleicht reicht es, darauf zu vertrauen, dass die schweigende Präsenz ihren Wert als Zeichen an sich entfaltet.

 

Ich danke der netzkloster Community für ihre Gedanken zum Wert der Stille in Zeiten des Krieges, die mich für diesen Text inspiriert haben. Ich danke der Gemeinschaft, die mir hilft zu Ausdauer, Mut und Geduld in der Praxis des Schweigens und der Stille.

Zwei Literaturtipps zum Thema

Berger, Klaus 2021. Schweigen: Eine Theologie der Stille. Freiburg: Herder.
Grün, Anselm 2020 [1984]. Der Anspruch des Schweigens. Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag.

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