11.4.2021

Wie Meditation unser Wirklichkeitsverständnis transformieren kann

Eines der vielleicht wichtigsten Modelle für unser Zusammenleben stellt die "Schlussfolgerungsleiter" des Harvard-Professors Chris Argyris dar. Es zeigt in sieben Schritten, wie wir tagtäglich im Grossen und Kleinen unsere Überzeugungen formen, denen unsere Handlungen folgen:

  1. Wahrnehmung: Über unsere Sinneskanäle erhalten wir eine Abbildung der Realität, noch steht nichts im Vordergrund und nichts hat Bedeutung. Wir sammeln Daten.
  2. Selektion: Auf Basis unserer mentalen Modelle wird ein (grosser) Teil dieser eingehenden Daten verworfen, andere werden dafür in den Vordergrund gestellt.
  3. Interpretation: Das Gehirn interpretiert die selektierten Informationen im Rahmen kultureller und individueller Prägung.
  4. Beurteilung: Annahmen werden auf der Grundlage der Interpretation entwickelt. Wir erzählen uns Geschichten, um das Wahrgenommene in einen für uns schlüssigen Zusammenhang einzubetten.
  5. Schlussfolgerung: Basierend auf dieser Geschichte kommen wir zu Schlussfolgerungen.
  6. Überzeugungsbildung: Unsere Schlussfolgerung halten wir für wahr.
  7. Handlung: Basierend auf dem Vorherigen treffen wir Entscheidungen und handeln entsprechend.

Wichtig ist nun die Erkenntnis, dass es eine sog. "reflexive Schleife" gibt zwischen Stufe 2 (Selektion) und Stufe 6 (Überzeugungsbildung): Unsere Schlussfolgerungen bestimmen, welche Informationen wir selektieren und die gewählten Informationen beeinflussen wiederum unsere Schlussfolgerungen, Überzeugungen und letztlich unsere Handlungen.

Durch wissenschaftliche Studien wurde übrigens festgestellt, dass eine höhere Bildung nicht vor dieser reflexiven Schleife bewahrt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Konservative den Klimawandel leugnen, ist erheblich höher, wenn er oder sie einen Hochschulabschluss hat" (Bruhn & Böhme S. 128).

Im Gegenteil reagieren Menschen automatisch defensiv auf Informationen, die ihr mentales Modell bedrohen. Je stärker vom mentalen Modell Status, Karriere, Ruf, Position oder Pension, Beruf oder eigenes Glück abhängig sind, desto weniger wahrscheinlich ist eine Veränderung der Überzeugungsbildung auf Stufe 6, auch wenn sämtliche Informationen dafür auf Stufe 1 & 2 vorhanden wären.

Die Praxis der Meditation kann dazu helfen, die reflexive Schlaufe zu unterbrechen. Durch das gewahr werden von Emotionen, körperlicher Reaktionen und Gedanken während der Meditation kann die Schleife zwischen Stufe 2 und 6 unterbrochen werden. Diese Haltung, die wir in der Meditation trainieren, wird bei regelmässiger Praxis zum Habitus im Alltag. Vereinfacht gesagt gibt es dadurch ein Moment der Achtsamkeit zwischen Impuls und Reaktion. In der Meditation werden wir uns unserem "Autopiloten" bewusst, mit dem wir normalerweise durch unseren Alltag manövrieren.

Dieser kurze und oft unscheinbare Unterbruch im Prozess, der unsere gesamte Wirklichkeit konstruiert, kann dazu verhelfen, unsere Selektion von Informationen bewusster zu treffen und damit zu anderen Überzeugungen zu gelangen.

In der christlichen Meditation, wie wir sie bei Netzkloster praktizieren, ist das mentale Modell in eine christliche Weltanschauung eingebettet. Der Prozess der Überzeugungsbildung findet statt im Glauben an Gott, der die Welt geschaffen hat, erhält und unter Teilhabe von uns Menschen ins Lot rücken will, was aus dem Ruder gelaufen ist.

Die Meditation ist ein Weg, in der bewussten Gegenwart Gottes das eigene Handeln in neue und beziehungsfördernde Bahnen zu lenken, damit Beziehungen versöhnt werden zu uns selber, zu unseren Mitmenschen, der Schöpfung und zu unserem Schöpfer.

Wie die Schlussfolgerungsleiter unsere Beziehungen und damit auch unsere Beziehung zum Planeten Erde beeinflusst, erklären anschaulich im lesenswerten Buch Mehr sein, weniger brauchen (2021, Beltz Verlag) der Phyisker Thomas Bruhn und die Nachhaltigkeitsforscherin Jessica Böhme.
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